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Vor ein paar Tagen habe ich mich an einen Gedanken erinnert, den ich schon ein paar Mal hatte: Wie wäre es mit einer persönlichen Bibliographie? Ich habe mein Bachelorstudium hinter mir, und auch im Masterstudium habe ich schon das eine oder andere gelesen, und es wäre doch schade, wenn das alles irgendwo im Datenchaos meines Computers verschwinden würde.
Aber nicht nur das, was ich gelesen habe ist es, was ich miteinbeziehen will. Beim Aufräumen bin ich einmal wieder über all diese nervigen Handouts gestolpert, die Studenten vor Referaten austeilen, und ich dachte mir, dass es doch eigentlich ziemlich schade ist, die Mühe der Studenten nicht zu schätzen. Darum will ich auch deren Arbeit in meiner Bibliographie sammeln, sowie ich deren Handouts auch inhaltlich irgendwie behalten möchte.

Einwenig Respekt vor der eigenen Arbeit, sowie Respekt vor der Arbeit anderer könnte meine Entwicklung positiv beeinflussen, was natürlich nicht bedeutet, dass ich deren Arbeit runterbeten will. Davor, dass das passiert, habe ich allerdings keine Angst. Dazu bin ich wohl doch zu kritisch (auch wenn ich denke, dass das Wort "kritisch" oft so inflationär gebraucht wird: jeder ist natürlich "kritisch", ja die Persönlichkeitsschwächen, die gerne angegeben werden sind "zu kritisch" - gleich nach "zu nett"). Ich wage aber trotz aller Hänger, die ich habe, zu behaupten, dass ich ein ziemlich denkender Mensch bin, und die Arbeiten anderer sowieso einmal kritisiere oder zerfetze. Hab' auch keine Hemmungen, das vor Publikum zu machen. Natürlich einwenig subtiler, als "ich finde dieses und jenes schlecht", sondern in Form von Fragen.

Wie dem auch sei: Der Unterschied zu den letzten Malen, die ich über eine Bibliographie nachgedacht habe is der, dass ich heute begonnen habe, und vorerst einmal nur die Referenzen, die ich hatte in einer einzelnen Liste nach dem Alphabet sortiert habe. Eine inhaltliche Systematik isch zwar schwerer, aber ich werde das sicher auch irgendwie hinbekommen.

Die interessante Sache ist folgende: Ich habe darüber nachgedacht, ob es nicht sinnvoll wäre, diese Bibliographie als Sammelbibliographie von und für Studenten zu organisieren. Also sie online zu stellen, sodass sie jeder editieren kann, und so Referenzen hinzufügen kann. Aber - und das ist das absurde - irgendwie bin ich egostisch. -.-
19.7.11 22:04


So einmal im Jahr stoplere ich dann doch wieder über meinen Blog und bin dann erstaunt und angeregt etwas zu schreiben. Hab' die letzten Tage irgendwann meinen Blog durchforstet und meine Vergangenheit erkundet. Verblüffend, wie sauer ich sein konnte, wo ich mittlerweile vielleicht nicht ruhig aber doch ziemlich beherrscht bin. Ich habe mich mir selbst und meiner Vernunft unterworfen, und da stellt sich die Frage, warum ich früher so emotional sein konnte, und was es bedeutet, dass das jetzt scheinbar nicht so ist. Das lässt sich vielleicht leicht mit einer jugendlichen Wildheit und einer typischen Pubertät erklären, aber ich denke damit scheibt man einen Prozess, der mich doch erstaunt hat, einfach zur Seite und bezeichnet ihn als natürlich. Man erklärt ihn, statt dass man ihn versteht - man führt das Ganze auf "so etwas wie "Naturgesetze" zurück, fragt aber nicht mehr, was diese Veränderung bedeutet.
Ich bin müde, und will jetzt nicht darüber nachdenken. Aber ich wollte einmal die Frage aufwerfen. So für mich, oder sonstwen (im Grund ließt ja außer - vielleicht - Clara und Steffi keiner meinen Blog).

Interessant aber, worauf ich noch gestoßen bin: einen Eintrag aus 2008, der selbst etwas aufgreift, das ich geschrieben habe, als ich 19 war, also etwa 2005 oder 2006. Ich muss damals jedenfalls noch in der Schule gewesen sein.
"True Words - Teil 1: About Dreams and Goals" habe ich diesen Text genannt.

„Brot erwerben, Traum in Scherben, weiter werben“ (Wir sind Helden - Heldenzeit). Diese drei Phrasen haben ich damals aufgegriffen, um zu betonen, wie ich mein Leben nicht verbringen wollte: mir irgendeinen Brotjob suchen, meine Träume aufgeben, und weiter Brot verdienen. Man beachte, dass ich von Brot gesprochen habe, nicht von Lachs und Karviar; dass ich von dem gesprochen habe, was ich brauche, um "weiter werben" zu können, und nicht von dem gesprochen habe, was ich will. Während des Zivildienstes gab es Phasen, die ich mit dem französischen Sprichwort "Metro - Boulot - Dodo" (U-Bahn fahren, Hackln, Heidi-Machen) umschrieben habe, was in seiner Tristesse eine gewisse Ähnlichkeit hat, aber doch zeitlich begrenzt (und verpflichtend) war. War keine so schöne Zeit, aber sie ist Vergangenheit.
Heute - ich erwerbe kein Brot, sondern ich bekomme es dafür, dass ich tue, was ich auch tun wollen würde, würde ich kein Brot dafür bekommen: Studieren bzw. an der Uni arbeiten, wenn auch nur als Tutor.
"The light at the end of the tunnel might be the light of the uncoming train" (angeblich von Oscar Wilde), ein warnender Spruch, der mir die letzte Zeit immer wieder kommt. Was, wenn ich mein Studium abgeschlossen habe? Mit meinem 27.Geburtstag verliere ich meine Halbwaisenpension, was wohlbedeutet, dass ich mich selbst um mein Brot kümmern muss. Aber so groß meine Zweifel auch sind, ich habe in meinem kurzen Leben die Erfahrung gemacht, dass es weiter geht. Es kann tatsächlich passieren, dass es schlechter weitergeht, als es jetzt ist, aber es wird weiter gehen, und ich bin zuversichtlich, dass mein Leben mehr Wert haben wird, als ein paar Scheiben Brot.

Mein Licht ist aber nicht das Ende der Stuiums, sondern der Anfang einer wissenschaftlichen Karriere. Auch wenn das Licht am Ende des Tunnels das Licht des Zuges ist, der auf mich zurast - und "zurast" ist das richtige Wort - sieht mein Leben so aus, als würde ich weiterhin auf den Zug zugehen.

"Wenn ich keine Ziele habe, dann sind hoffnungslose Träume das nächst-sinnvollste. Was sollte ich sonst tun?"

Selbst wenn es keine Hoffnung gibt, so meinte ich damals, gibt es scheinbar nichts sinnvolleres, als trotzdem weiter zu gehen. "Was soll ich sonst tun?" Selbst wenn das Licht am Ende des Tunnels das Licht des ankommenden Zuges sein könnte, ja selbst wenn es sogar sehr wahrscheinlich der Fall ist, stellt sich die Frage, was mir sonst noch übrig bleibt. Den Tunnel nicht weitergehen? Umdrehen, und mich in den Alptraum des "nackten Lebens" (Foucault) werfen? "Brot erwerben, Traum in Scherben, weiter werben?" Einem anderen Licht folgen, bei dem sich erneut die Frage stellt, ob es nicht das Licht des ankommenden Zuges ist? Hm,... man mag die Augen öffnen und vielleicht sehen, dass das Licht vielleicht wirklich das Licht eines Zuges ist, aber ist die Dunkelheit des nackten Lebens, die Trockenheit des Brotes ohne Butter, besser als der Zug, der einen wahrscheinlich überrollt?
"It's better to burn out, than to fade away" (Neil Young - My My). Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht, ob es besser ist auszubrennen. Neil Young mag den Zug vorziehen, ich selbst ... auch. Ich versuche trotzdem in die Wissenschaft zu gehen, und riskiere dabei von einem Zug überrollt zu werden. Vielleicht gehe ich aber auch wirklich nur derart stur auf das Licht am Ende des Tunnels zu, weil ich weiß, dass ich als Mann mit einem Pädagogik-Abschluss in die Praxis gehen kann, die für mich nicht gerade das schrecklichse ist, was ich mir vorstellen kann. Die Praxis wäre vielleicht das Schinkenbrot, und stehen bleiben würde ich sowieso nicht. Es gibt also nicht nur die Alternative auszubrennen oder langsam zu verwelken.
"Brot erwerben, Traum in Scherben, weiter werben" - das mache ich einfach nicht mit. Selbst wenn das Licht am Ende des Tunnels wirklich einem ICE gehört, ich werde nicht als nacktes Leben, als bedeutungsloser, als subjektloser Körper, enden (sic!). "Brot erwerben, Traum in Scherben, neu orientieren" - so sieht es aus, wenn sich das Licht nicht als das herausstellt, wovon ich hoffe, dass es das ist. Und ein "hoffnungsloser Traum" ist es nicht, wenn erst einmal der Glaube sterben muss. Ich glaube sogar noch immer, dass mich das Licht am Ende des Tunnels nicht enttäuschen wird. Ich glaube das deshalb, weil ich mich in einer Hinsicht weiterentwickelt habe:

"Tu was du willst", so heißt ein Buch von Fernando Savater, das mir Daniel Feyerl einmal empfohlen hat. Ich habe das Buch damals gelesen, ihm aber nicht so viel Bedeutung gegeben. Ich weiß auch gar nicht, ob ich das Buch je ein zweites Mal komplett gelesen habe, jedenfalls aber gibt es Stellen, die ich mir erneut angeschaut habe. Savater erzählt eine Geschichte, der er, wenn ich mich nicht irre, von Aristoteles übernommen hat. In dieser Geschichte geht es um einen Kapitän, der auf seinem Schiff in einen heftigen Sturm gerät, der das Schiff wohl zum sinken bringen würde. Er kann dies aber verhindern, indem er die Fracht über Bord wirft. Die Fracht ist ziemlich kostbar, und der Kapitän würde am liebsten die Fracht sicher in den Hafen bringen, aber leider stürmt es nuneinmal, und er muss eine Entscheidung fällen: wirft er die Fracht über Bord, oder geht er mich seinem Schiff unter? Es mag eine unheimlich unschöne Situation sein, aber letztendlich hat der Kapitän eine Wahlfreiheit. Er kann nicht zwischen allem wählen, was er sich nur wünscht, aber er hat eine Alternative. Es gibt immer Alternativen, und wenn die Alternative der (symbolische) Tod ist.
Ich denke, ich bin jetzt einwenig abgekommen. Die Einsicht, dass auch der (symbolische) Tod eine Alternative ist, für die man sich entscheiden kann, ist sicher ein Teil meiner Enwicklung, aber eigentlich will ich einen anderen Entwicklungsstrang betonen, der mehr mit dem Titel des Buches zu tun hat- und ich denke, dass es etwas ist, das ich vor allem in meiner (finanziell erfolgslosen) Zeit in der Vermögensberatung gelernt habe. Es ist eine bestimmte Haltung: Die Frage, die ich mir stellen sollte, wenn ich etwas will, ist nicht "wie groß ist die Chance"?, sonder "was muss geschehen, dass ich es bekomme?" bzw. "was kann ich tun, um es zu bekommen?".
Man kann oft mehr tun, als man denkt, die Frage ist nur, ob es die Sache Wert ist - und wenn sie das Wert ist, dann will man es tun. Auch wenn man eine gewisser Unlust dabei verspürt, das Ich, die bewusste, die entscheidungsfällende Instanz im Subjekt, entscheidet sich für etwas das es will. Wer ist der Herr meines Hauses? Mein Bewusstsein oder mein Unlustgefühl? Ich hatte schon Prüfungen, auf die ich einen Einser haben wollte. Und die Prüfungen, bei denen ich beschlossen haben, auf einen Einser hin zu lernen, bei denen habe ich einen Einser bekommen. Es waren bisher nur drei Prüfungen, bei denen das der Fall war. Aber bei allen drein ist es mir gelungen.

„Auf der Suche nach Geld, und dessen Trophäen, fickt Ihr Euch durchs Leben..." (Böhse Onkelz - Keine Amnestie für MTV). Ich habe dies damals damit kommentiert, dass man oft seine Träume für Geld verkauft, seine Prinzipien fallen lässt, etc. Wenn wir den Satz einwenig umdrehen, dann könnten wir die Aussage in Bezug auf mein Leben ein Stück weit provokanter formulieren. "Auf dem Weg eure Träume zu erreichen fickt ihr euch durch's Leben!" Oder "fickst du dich durch's Leben!". Ich denke nicht, dass ich mich auf dem Weg zu meinen Träumen durch's Leben ficke. Ich denke nicht, dass ich ein Speichellecker bin. Aber in der Tat habe ich meine Moralappostelei zum Teil aufgegeben. Damals schon habe ich keinen Totalitätsanspruch gehabt:

"Ich will nicht sagen, man sollte immer, um jeden Preis man selbst bleiben. Diese Entscheidung mute ich jedem selbst zu. Ich finde es allerdings traurig sich selbst zu verkaufen."

"Es kann sich sicher auszahlen für 100 000 Euro seine Freunde zu verraten. [...] Wie groß mein eigenes Gewissen ist, weiß ich nicht, aber erfahrungsgemäß würde ich für 100 000 Euro so einiges tun."

Traurigkeit, das ist es wohl, was man von außen sagen kann, und auch in meinem Inneren stellt sich manchmal - wenn auch ziemlich selten - eine leichte Traurigkeit ein, dass ich meine wunderbar idealistische Moralappostelei verloren habe, die mich damals so sauer hat machen können. Aber ich denke, ein treffenderes Gefühl, das den subjektiven Zustand beschreiben würde, wäre "Scham". Ist man selbst denn so wenig Wert, dass man sich für einen Traum verkauft? Heißt das nicht, dass der Traum mehr wert ist, als man selbst? Ich bin nicht besonders weit gegangen, aber ich will mir diese Überlegung eine Warnung sein lassen und mir die Frage stellen, ob es am Ende des Tunnels, selbst wenn das Licht das ist, wovon ich hoffe, dass es das ist, erträglich ist, einen Teil von sich verloren zu haben - oder vielleicht treffender ausgedrückt - eine Leiche im Gepäckt mitschleppt?
"Tu was du willst" - aber eben nur, was du willst. Man muss nicht alles für einen Traum tun. Ebensowenig für ein Ziel. Man hat immer die Wahl, seinen Weg zu verlassen, ja im schlimmsten Fall den symbolischen Tod zu wählen. "Brot erwerben, Traum in Scherben, neu orientieren".
Falls der Traum denn tatsächlich in Scherben zerbricht, wenn man sich nicht verkauf! Es gibt nicht nur "den einen Weg" nach Rom. Es gibt nicht nur eine einzige Möglichkeit zum Licht am Ende des Tunnels zu gelangen, und insofern ist die Tunnel-Metapher vielleicht gar keine so treffende, denn der Weg zu einem Ziel ist kein Tunnel. Viel eher ist er ein Wald, auf dem es leicht begehbare Wege und kleine Trampelpfade gibt, genauso wie man querfeldein gehen kann, und wenn es notwendig sein muss mit einer Machete ein paar Hindernisse aus dem Weg räumen. Vielleicht verliert man einwenig das Ziel aus den Augen, verirrt sich einwenig, man weiß nicht mehr in welche Richtung Rom liegt, aber wenn man immer weiter versucht nach Rom zu kommen, dann ist die Chance gar nicht so gering, dass man hinkommt. Selbst wenn man irgendwann plötzlich wieder in Wien steht, und den Weg von vorne gehen muss, oder gar in Wladiwostok, und dann weiter weg vom Ziel ist, als je zuvor. Man kann sich dann aber erneut überlegen: Will ich wirklich die weite Reise antreten, oder will ich nicht lieber ein neues Ziel anstreben? Ist Rom es denn wirklich wert?

Und wenn es das nicht ist, um nun den letzten der drei Songs, die ich in meinem damaligen Text angesprochen habe, aufzugreifen, dann landen der Cirkus Maximus vielleicht auf dem imaginären "Boulevard of Broken Dreams". Eine traurige Sache, aber man fällt nicht tot um. "Brot erwerben, Traum in Scherben, neu orientieren". Dazu abschließend vielleicht etwas, was ich vor ein paar Monaten geschrieben habe. Auch wenn ich es "ästhetisch" nicht gut erzählt finde.



Schonmal verloren?
Natürlich.
Und was ist passiert?

Es gibt Menschen, die nur einen Weg sehen,
einen Weg, zu dem es keine Alternativen gibt,
das Problem: auf diesem Weg kann man sich verirren,
man kann überfallen werden,
man kann zu langsam sein,
man kann den Weg hassen lernen,
man kann an dem Punkt ankommen, den Weg zu hassen,
man kann dan Leben hassen, sich selbst hassen,
und dann am Ende vor Hass und Erschöpfung zusammenbrechen.

Und dann?
Man kniet auf dem Boden eines gepflasterten Weges,
die Knie bluten,
die Ellenbogen sind aufgeschürft,
die Sonne brennt einem auf den Rücken,
und man sieht zu, wie ein Tor den Weg versperrt.
Der Weg ist zu Ende,
und doch konnte man ihn nicht bis zum Ende gehen.
Die Tore sind verschlosssen, und sie bleiben verschlossen.

Und dann?
Man bleibt liegen,
man weint,
und dann kriecht man auf allen Vieren vom Weg herunter,
hin zum nächsten schattigen Baum.
Man zittert am Körper,
nicht weil einem kalt ist, sondern vor Schmerz,
so lange ist man diesen Weg gegangen,
einen Weg, den man gehasst hat,
und dann verschließen sie einem die Tore.

Und dann?
Ungewissheit.

...man fällt nicht tot um, wenn einem die Tore verschlossen werden.
...es kann beschissen sein,
...es kann auch passieren, dass es nicht beschissen wird,
...aber es passiert etwas.
Muss man jeden Weg zu Ende gehen?
Kann man jeden Weg zu Ende gehen?
Und warum will man etwas, was man nicht will...
...nämlich einen Weg entlang gehen, den man hasst?
...um ein Ziel zu erreichen, das man vielleicht genausowenig mag?

Man kann im Leben schnell sagen, man hätte aufgegeben,
aber das Aufgeben ist nicht das Ende des Lebens.
Was man aufgegeben hat, das ist etwas spezifisches,
nicht aber das Leben als solches.
Man hat eine Karriere, ein Studium, ein Spiel aufgegeben,
aber nicht das Leben.
Und genauso ist es beim Verlieren.
Man hat etwas spezifisches Verloren,
eine Chance, eine Karriere, einen Menschen,...
aber man hat nicht das Leben verloren.
So erbärmlich das sein kann, was überbleibt,
es bleibt.

Und dann?
Ungewissheit.
UNGEWISSHEIT!
Denn die Zukunft ist nuneinmal ungewiss,
und sowenig wie das Erreichen des Ziel das Heil garantiert,
sowenig garantiert das Verlieren oder das Aufgeben eines Spiels, die ewige Verdammtnis.

Es gibt mehr als einen Weg,
es gibt immer Alternativen,
auch wenn einem keine gefällt.
14.7.11 01:16


Verantwortung

"Es ist nicht Deine Schuld, dass die Welt ist, wie sie ist,
es wär nur Deine Schuld, wenn sie so bleibt"
Die Ärzte - Deine Schuld


Was aber bedeutet es denn jemandem Schuld zuzuschreiben und welche Vorstellungen stehen dahinter?

Schuld ist ein grundsätzlich negativer Begriff, "Verantwortung" hingegen weniger negativ, aber ebenso erdrückend. Verantwortung zu übernehmen ist mit einer Menge Anstrengung, mit Risiko und Unsicherheit verbunden.
In einer Gesellschaft, die von Instabilität und damit von Unsicherheit geprägt ist, wird der Mensch beständig mit Unsicherheit konfrontiert. Was bedeutet es Geld in eine Wohnung zu investieren, wenn man nur auf vier Jahre befristet angestellt ist? Was bedeutet es, Vertrauen und Mühe in eine Beziehung zu stecken, wenn eine Beziehung im Durchschnitt von kürzerer Dauer ist, als ein Zeitungsabo – was aber bedeutet es, sich nicht in einer Beziehung zu bemühen? Was bedeutet es, eine Stelle für eine andere aufzugeben und was bedeutet es sich dafür zu entscheiden Mathematik als Hauptfach und nicht als Lehramt zu studieren?
All das sind Risiken, die wir uns nicht aussuchen bzw. deren Alternativen ebenso wenig hergeben. Die Entscheidung ein Leben als Single zu verbringen ist nicht notwendigerweise attraktiv, wenn auch der/die eine oder andere Gefallen daran findet. Sich für kein Studium zu entscheiden, sondern gleich in die Arbeitswelt einzutauchen trägt ein genauso großes Risiko in sich und hat den bitteren Beigeschmack von Vornherein aufgegeben zu haben.

Nicht jeder erträgt dieses Risiko, Menschen zerbrechen daran, fühlen sich überfordert, betteln und flehen nach Halt und Sicherheit, sie suchen Sicherheit in Beziehungen, die dann doch wieder zerbrechen, in Gruppen, die Ihnen Regeln vorschreiben die sie nur annehmen, um etwas zu haben, an das sie sich halten können, auch wenn sie nicht dahinter stehen.


"Mit großer Kraft kommt auch große Verantwortung"
der liebe Onkel von Spiderman


Zusagen, jemand trägt die Verantwortung für etwas, ist nur dann gerechtfertigt, wenn er auch etwas tun kann oder tun hätte können, ja Macht ist nicht nur, wie im Zitat vom lieben Onkel Spidermans eine hinreichende, sondern auch eine notwendige Bedingung für Verantwortung. Wenn wir nun also sagen, jemand habe die Schuld daran, wenn die Welt bleibt, wie sie ist, dann behaupten wir, er hätte die Macht gehabt etwas zu ändern.
Wer derartiges äußert verschweigt aber, ohne es zu wollen eine Tatsache, nämlich die, dass manche Menschen mehr Macht haben, als andere.

Jeder, so sagt man, hat die Möglichkeit etwas zu ändern, es nicht zu versuchen bedeutet bereits aufgegeben zu haben, das sagt mir der eine oder andere Sticker, der auf den Uniklos klebt. „Kämpf für Deine Recht“ - „Es gibt dumme Politiker, die ihr Mandat klugen Leuten verdanken, die am Wahltag daheim bleiben.“ Wer aufgegeben hat, so habe ich auch schon gehört, habe kein Recht sich zu beschweren, wer nicht im Audimax war, der bestätige mit seinem Schweigen, dass alles passt.

Aber ist die Möglichkeit etwas zu ändern alleine genug um die Verantwortung für etwas zu tragen? Woher nimmt man den Schluss von der Möglichkeit auf die Pflicht, denn Verantwortung für etwas zu haben ist mit der Pflicht verbunden zu entscheiden. Es geht so gut wie immer mehr, als man tut, wer sich eine Pizza kauft, der ist ein schlechter Mensch, denn er könnte auch Wasser und Mehl fressen und sein Geld in das Wohl der Menschheit stecken. Wer sich einen Big Mac kauft, ist für das die Abholzung des brasilianischen Regenwaldes verantwortlich und wer sich billige Kleidung kauft legitimiert Kinderarbeit. Wem wir Verantwortung zuschieben, von dem verlangen wir Entscheidungen, wem wir auf Grund der nicht vollständig genutzten Möglichkeit etwas zu ändern die Schuld am Elend der Welt zuschreiben, von dem verlangen wir absolute Aufopferung für das Wohl der Welt.

Wo beginnen wir jemandem Unrecht zu tun, wenn wir ihn für etwas verantwortlich machen, wo beginnt unser Verlangen eine Zumutung zu werden, jemandem eine Last aufzubürden, die er nicht zu tragen hat, ihn unter Druck zu setzen, ihn in seinem Kampf um Sicherheit mit Problemen konfrontieren, an denen er vor der verzweifelten Wahl steht sich selbst etwas gutes zu tun, das er durchaus verdient hat und dafür am Elend der Welt Schuld zu tragen, oder sich der völligen Kontingenz hinzugeben und möglicherweise daran zu zerbrechen?


"Zuerst kommt das Fressen, dann die Moral"
frei nach Berthold Brecht


...doch irgendwann, so will ich auch einräumen, hat man genug gefressen und es ist Zeit für die Moral Platz zu machen. So soll mein Beitrag jetzt nicht dergestalt verstanden werden, dass ich den infantilen Egoismus legitimieren will, doch sollten wir in einer Welt, in der Millionen von Menschen an der Unsicherheit mehr oder weniger zerbrechen, vorsichtig sein, auf wen wir mit dem Finger zeigen, wenn wir nach Schuldigen suchen und uns fragen, was wir von jemandem verlangen und was wir ihm antun, wenn wir ihm Verantwortung zuschreiben.
10.2.10 21:30


Wer ist das?

Wer ist Walter?
Wer ist Siegfried?
Wer ist Daniel?

Interessante Menschen und es wäre bei interessanten Menschen naheliegend bei interessanten Menschen nach deren Biographie zu fragen. Es kann sein, dass ihre Biographie sie zu denen gemacht hat, die sie sind, aber es ist nicht die Biographie, die diese Menschen interessant macht - es ist ihre Gegenwart, die etwas "magisches" hat. Als ich diese Menschen kennengelernt habe, da war es nicht ihre Biographie, die mich fasziniert hat, es waren die Menschen selbst, ihre "Art", ihr "Charakter", ihr "Sein", ihr "gewenwärtiges Leben". Vielleicht war es auch nur ein Teil, der mich derart fasziniert hat.

In diese Richtung wäre es interessant zu forschen - zu fragen: Wer sind diese Menschen? Was macht Ihre Faszination aus?
21.1.10 01:55


Weisheit

Gestern bin ich auf ein Wort gestoßen, das mir Überlegungen bereitet hat, die noch nicht abgeschlossen sind, die mich aber vor allem in der letzten Nacht nicht schlafen haben lassen. Dieses Wort war "Weisheit". Weisheit allerdings nicht im Sinne eines "Wissenden", sondern wie es nach Ulrike Bollmann früher einmal benutzt wurde, nicht um die kognitiven Fähigkeiten einer Person zu benennen (das tat man zu der Zeit offenbar nicht), sondern um "die ganze Person" benennen. Theorie und Praxis beispielsweise, im Begriff des Wissens, nicht der Weisheit waren enger zusammengedacht, die Kunst war noch im Wortfeld des Wissens, so jedenfalls kommt mir der Gedanke einen Menschen "ganzheitlich" zu betrachten, ohne jedoch zu vergessen, dass das gar nicht möglich ist, da es unendlich viele Perspektiven gibt, die ich nicht alle einnehmen kann.
"Ganzheitlich" ist vielleicht auch ein falsches Wort - ich möchte nämlich von dem "Eindruck" den ein weiser Mensch auf andere Menschen hat ausgehen, wobei mir der Unterschied zwischen Weisheit und Faszination in Bezug auf einen Menschen nicht ganz klar ist - Weisheit ist zumindest jedoch positiv konnotiert, Faszination nicht notwendigerweise.

So ist meine Überlegung die, ob ein "positiver Eindruck" den ein Mensch auf andere hat das bezeichnen könnte, was ich als "Weisheit" bezeichne, doch das kann es nicht. "Weisheit" ist ein intuitiver Begriff, was es schwierig macht, darüber zu sprechen.
Welche Menschen als "weise" bezeichnet werden, das ist mit absoluter Sicherheit in der Lebenswelt der Leute, die sie als "weise" bezeichnen konstituiert, in deren Idealvorstellungen, aber eben nicht nur im kognitiven Sinne, sondern auch im ästhetischen (ohne zu wissen, was Äthetik wirklich ist), im emotionalen Sinne, ja die Frage ist vielleicht: was macht die positive Faszination einer Person aus? Warum denke man über sie nach, auch wenn man nicht umbedingt einen allzuengen Bezug zu ihnen hat?

Vielleicht sind es die "interessanten" Lebensweisen einer Person, wobei das Interesse eben nicht im Sinne eines "Sich-Ergötzen am Leid der Person" ist, oder ein "Spaß daran haben un das Leben der anderen belächeln, wie man Clowns belächelt", sondern in einem Sinne, in dem man interessiert daran ist, was diese Person sagt, was sie denkt, sich gerne mit ihnen unterhält, weil sie etwas an sich haben, das einn dazu bewegt die Person ernst zu nehmen.

"Ernst nehmen", ist vielleicht das eine Umschreibung der Weisheit? "Jemanden Schätzen", aber... kann man ach jemanden als weise sehen, wenn man ihn nicht mag? Intuitiv würde ich das bejahen.
Vielleicht ist es das "Besondere"?

Nun, es ist schwierig von Weisheit zu sprechen, ich halte diesen Begriff als vorerst rein intuitiven Begriff für einen interessanten Begriff für die Pädagogik, sonfern er "den ganzen Menschen" bezeichnet.
Grundsätzlich würde ich an dieser Stelle gerne sagen, dass es sich eben aus der Empirie ergibt, was "Weisheit" ist, aber so leicht ist das nicht. In der Empirie könnte ich vielleicht erfahren, "was weise" ist, aber nicht "was Weisheit" ist.
Natürlich könnte man dem Begriff etymologisch nachgehen, oder auch nach seiner gegenwärtigen Verwendungsweise fragen, aber das will ich nicht, denn es geht mir nicht um das Wort. Es geht mir um den Gedanken des "ganzen Menschen", der damals mit "Weisheit" benannt, vielleicht auch "ausgezeichnet" wurde - in meinem Verständnis würde ich Weisheit auf jeden Fall als Auszeichnung definieren. Ja, auf jeden Fall ist Weisheit eine Positiv-Prädikatisierung.
Aber jedenfalls brauche ich eine halbwegs konkrete Vorstellung des Begriffs, um (in der Empirie) danach suchen zu können. Ich brauche etwas, wonach ich fragen kann,... wenn ich nach Weisheit frage, ohne nach dem Wort zu fragen. Es ist, so meine Einschätzung, ohne dem Begriff ernsthaft nachzugehen, in der heutigen Gesellschaft zu sehr mit dem Wissen verbunden, wobei mir klar ist, dass die Wissenheit einr Person bedeutend dafür, dass sie als "weise" in dem Sinne, wie ich die "Weisheit" suche, benannt wird, denn die Wissenheit hat eine bedeutende Rolle in unserer Gesellschaft, aber es würde eben nur ein "was ist weise" und nicht "was ist Weisheit" beantworten.

Weisheit prädikatisiert eine ganze Person. Aber wie prädikatisiert sie diese? Positiv. In irendeiner Weise positiv. Vielleicht "in der Welt zu Recht kommend"? Das würde aber zu eng an die Angepasstheit gekoppelt sein, zu sehr an die aktuelle Kulturellen Werte, aber es kann auch derjenige, als "weise" prädikatisiert werden, der nicht angepasst ist, der anders ist, wie der Siegfried, den ich kannte.
Vielleicht reichen aber auch diese Bestimmungen? "In irgendeiner Weise positiv und besonders." Ja vielleicht ist es sogar das Besondere, das die Weisheit ausmacht.

Mit meinen Gedanken geht allerdings durchaus eine Gefahr einher: Die Benennung des Besonderen verweist auf das "Gewöhnliche" und wird der Indiidualität der Nicht-Besonderen nicht gerecht.

Grundsätzlich ist es ja kein Problem von meiner Subjektivität auszugehen, wenn ich einen Begriff definiere, beschreibe, denn gerade durch die sprachliche Beschreibung mache ich sie anderen zugänglich. Vielleicht aber kann ich den Begriff über meine persönliche Wahrnehmung und meinen persönlichen Umgang mit weisen Menschen beschreiben, aber trotzdem will ich dabei eben nicht beschrieben, was weise ist, sondern, was Weisheit ist.

Weise Menschen nehme ich wahr, ich nehme sie als anders wahr, als andere, aber nicht nur emotional. Ich bin gerne in deren Gegenwart... ich höre auch jeden Fall auf das, was sie sagen, nicht in dem Sinne, dass ich tue, was sie sagen, aber ich gebe dem eine Bedeutung.
Aber das alles tue ich eben auch bei Menschen, die mir nahe stehen, von denen manche "weiser", manche "weniger weise" sind.
Vielleicht liegt hier "der Hund begraben", ich gehe immer von der Besonderheit aus, aber die Besonderheit ergibt sich wohl erst in der Beziehung. Aber ich will weg von der direkten Beziehung hin zu dem, was den Menshcen hinter der Beziehung ausmacht.

Vielleicht würde die Frage also lauten, wie Menschen sind, mit denen man gerne seine Zeit verbringt, ohne aber, weil man ... zweckgebundene Interessen hat. Nicht in dem Sinne, dass man gerne einmal mit Ronaldo Fußballspielen würde.
Ja vielleicht ist die direkte Beziehung eine Notwendigkeit um einen Menschen beurteilen zu können. Das denke ich, kommt näher an das heran, was ich suche. Nicht die "Massen"-Faszination jedenfalls. Vielleicht,... aber doch auch. Die Anziehungskraft eines Menschen. Wie sind Menschen, die andere Menschen anziehen, die andere Menchen berühren? Berühren? Die einen Effekt auf andere Menschen haben...

Ich denke, jetzt gehe ich aber grundsätzlich in eine ganze Richtung, als ich sie gestern Nacht noch gedacht habe. Vielleicht gehe ich doch weiter zu mir selbst zurück. Ich habe an den pädagogischen Wert gedacht, den eine Beschreibung des Lebens der Menschen gedacht, die ich persönlich für weise halte.
Andere Menschen halten andere Persönen für "weise" und so stellt sich die Frage dem pädagogischen Wert dessen, was diese Leute beschreiben, wie sie das Leben derer beschreiben, die sie als "weise" bezeichnen.
Es ist eine Ideographie - das auf jeden Fall - aber es sie eine "vorbildhafte" ideographie? Was sage ich, wenn ich das Leben meiner Weisen beschreibe? "So geht es auch!", "diese Menschen leben ihrem Leben adequat"? "Diese Menschen leben zumindest anders, als ich es tue." ...ja, das tun sie. Aber das tun meine Weisen. Die Ideographie des Lebens verschiedener Leute hat also vielleicht durchaus einen pädagogischen Wert, aber einen praktisch-pädagogischen, keinen wissenschaftlichen, denn in wie sollte eine Wissenschaft damit umgehen? Es geht zwar nicht um Allgemeingültigkeit, aber um einen gewissen Bezug zur Allgemeinheit. Und in bin wieder weg von der Weisheit. Hm,...
3.1.10 14:20


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